Gedanken zum Naturschutz

(Prof. Dr. Siegert, im April 2004)

Was macht der Naturschutz denn? Na klar: Natur schützen?

a. Was ist Natur? und

b. Was bedeutet Schutz?

Zu a. Was ist Natur? - da kann man lange Tagungen abhalten - wir machen es kurz! Natur und ursprüngliche Landschaft im strengen Sinne haben wir in Europa nur noch an ausgesuchten Plätzen. Wir in unserem Gebiet leben in einer vom Menschen geschaffenen und erhaltenen Kulturlandschaft, die erheblich artenreicher ist (oder wenigstens noch sein könnte) als das, was hier ursprünglich hin gehörte. Was gehört hier hin? Von Sonderstandorten abgesehen wäre nach der hpnV vornehmlich ein artenarmer Eichen- und Hainbuchenwald zu erwarten. Und der wäre im Vergleich mit dem, was wir hier bewahren wollen, langweilig! Aus dieser Sicht kann man sagen: Zum Glück hat der Mensch fast alle Bereiche verändert. Bitte verzweifeln Sie nicht! Die vom Menschen geprägte Kulturlandschaft hat keineswegs nur Äcker, Weinberge, Häuser und Straßen hervorgebracht. Sieht man einmal von den natürlichen Trockenrasen ab, so sind die zahllosen nutzungs-geschichtlich bedingten Standorte (incl. Halbtrockenrasen und Wiesen) Ergebnis der In-Kulturnahme. Wir verdanken der Kulturlandschaft sehr viel.
Ja, der Eingriff des Menschen hat erst die Vielfalt
der Pflanzen beschert! Die meisten Arten, die wir bei uns haben (incl. einem Teil der Rote-Liste Arten), schützen wir inzwischen als Kulturfolger auf "gewordenen Standorten".

Heute hetzt allerdings die geänderte oder fehlende Nutzung die "Kulturstandorte" erfolgreich und immer schneller zu Tode! Und damit sind wir gefordert zu Helfen zu Pflegen!

Damit sind wir beim Punkt b.

Was bedeutet Schutz? Eben haben wir gehört, dass wir vorrangig Kulturfolger schützen.

Ist das denn auch Naturschutz oder ist das Kulturschutz? Beides, und das wie ich meine- ohne inneren Widerspruch

1. Viele naturbegeisterte Menschen verlangen vom Naturschutz, dass er die Natur unterstützen solle. Damit propagieren sie die Sukzession, die ohnehin fortschreitende Entwicklung der Gesellschaften bzw. Abfolgen. Wenn wir diese Einstellung teilen, können wir tatenlos zusehen, brauchen wir nichts zu schützen - wir lassen die Sukzession arbeiten - verhindern hier und da eine Straße, oder die Überbauung von Naturschutzgebieten, deren Schutz sich "dank Sukzession" ohnehin dann nicht mehr lohnt. Unsere Nachkommen leben (wenn es denn soweit kommt) im artenarmen Eichen-Hainbuchen-Wald Die zur Kulturlandschaft im weitesten Sinne gehörenden Arten verschwinden. Die Halbtrockenrasen sind auch hinüber. Ein paar Trockenrasen werden überleben, weil sie ohnehin Endgesellschaft darstellten. So betrachtet, kann das Ziel "Sukzession" kaum verlocken.

2. Wir könnten aber auch einen rückgewandten "status quo-Schutz" betreiben: Das Aussehen, das uns als Kinder erfreut und geprägt hat, diente dabei als Richtschnur für unsere Arbeit. Für unsere Kritiker hätten \wir das Argument "So, wie ich es als Kind erlebt habe, so soll es wieder werden". Das war die Natur, die wir in der Folge misshandelt haben. Diese Argumentation ist einfach, einleuchtend und bequem — aber auch problematisch. Wir halten die Zeit in unserer Kindheit an. Das Maß ist notwendig sehr individuell bestimmt.

3. Nach meinem Dafürhalten ist Ganze schwieriger und hat auch noch das Zeitproblem im Gepäck: Ich verkürze hier bewusst - - Mit dem Ende der letzten Eiszeit sind viele Arten abgeändert wieder zu uns zurückgewandert. Viele Arten sind anschließend aus dem Wald (nach Rodung) auf die Wiese gewandert. In Einzelnen kennen wir die Prozesse noch ungenügend. Sie verschafften uns aber im Zusammenhang mit der menschlichen Besiedlung unserer Heimat die Vielfalt, die wir bewundern und daher (wenigstens in Resten) auch erhalten möchten. Die Arten sind so um die 6 000 Jahre wieder bei uns. Ob ich diesen nacheiszeitlichen Charakter stets schützen möchte, weiß ich nicht.
Letztlich streben wir beim Naturschutz nämlich ohne strenge zeitliche Zuordnung den Erhalt einer möglichst großen Zahl von gewordenen und gewachsenen Lebensräumen samt ihren Organismen an (einfach: Mannigfaltigkeit - hochtrabend: Biodiversität). Die Vielzahl der Lebensräume und die Vielzahl der Organismen verheißt nicht nur das stabilste "Miteinander" - sie zeigt uns auch, was die Schöpfung (oder was immer sie anstelle dieses Begriffes einsetzen möchten) realisiert hat — zum Bewundern, Studieren, und zum Erhalten. Und an dieser Vielfalt, die uns Stabilität im Gefüge verspricht, wollen wir uns ausrichten.

So besehen, hat der Naturschutz in der Praxis keine unverrückbaren Gesetze, sondern er passt sich stets den Gegebenheiten vor Ort an und versucht, mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten ein Optimum an Arten samt typischen Lebensräumen zu erhalten — oder wieder zu schaffen. Das Rad zurückdrehen können und wollen wir dabei nicht.

Im Gegenteil: Wir sind keine "Ewig-Gestrigen". Wir leben in der Zeit und mit unserer Zeit, ohne ihr jedoch unkritisch zu verfallen. Deshalb suchen wir im und durch den Naturschutz nach neuen Wegen zu alten schönen Zielen, dem Erhalt bzw. der Wiederherstellung der Vielfalt.

Am Beispiel des Nieder-Ingelheimer Pappel- und Schilfgrundstücks möchte ich unser gemeinsames Streben und die Ergebnisse etwas näher beleuchten:

Ausgang war eine Stromtalwiese. Die Nutzung als Wiese gibt es nicht mehr. Wenn man die fehlende Nutzung beklagt, könnte man das Rad der Geschichte zurückdrehen, zum Kuhhalter werden und Landwirtschaft bzw. auch Obstbau in angestammten Rahmen betreiben und letztlich daran scheitern - wie die vielen Sozialbrachen in der Umgebung deutlich zeigen. Der Naturschutz bevorzugt einen anderen Weg: Da die Stromtalwiesenpflanzen vorrangig ausdauernde Pflanzen also "Stauden" sind, besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Pflegemaßnahmen zur Begünstigung der Stromtalwiesenarten zum Erfolg führen werden. Gebündelt durch den Biotopbetreuer sind mit von der Partie: AKU Mombach, NSG Ingelheim, Botanischer Arbeitskreis und viele eifrige Schüler.

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